Dagmar Lorenzen im Interview

„Mentorin zu sein, ist eine große Bereicherung“, sagt Dagmar Lorenzen. Bei save me Bonn begleitete sie zuerst eine uigurische Familie. Mittlerweile ist sie die Ansprechpartnerin für eine Familie aus Syrien. Darüber hinaus hat sie den Deutsch-Konversationskurs mit einigen Freunden ins Leben gerufen, der auf unserer Website zu finden ist. Für Flüchtlinge ist der eine gute Möglichkeit, das meist schon hervorragende Deutsch anzuwenden.

 Worum ging es in Deiner ersten Mentorenschaft?

Dagmar Lorenzen: Die ersten zwei Jahre habe ich eine dreiköpfige uigurische Familie begleitet, die in China politisch verfolgt wurde. Da erfuhr ich zum ersten Mal, wie China mit diesem Volk umgeht. Alle drei haben schnell Deutsch gelernt und wollten unbedingt hier Arbeit finden. Hasan hat mittlerweile eine feste Anstellung als Busfahrer, seine Frau arbeitet leider nur in einem Aushilfsjob, obwohl sie zuhause studiert hatte. Die Tochter fand einen Ausbildungsplatz in einem Möbelkaufhaus. Unser Kontakt ist mittlerweile sporadisch, denn die großen bürokratischen Hürden sind genommen.

 Jetzt betreust Du eine syrische Familie…

Dagmar Lorenzen: Ferhad stammt wie seine kleine Tochter und seine Frau aus dem Kurdengebiet um Afrin, wo gerade die Türkei einmarschiert. Zuletzt lebten sie in Aleppo, dort hatte er ein Geschäft, in dem er mit Percussioninstrumenten sogar über Syrien hinaus handelte. Das ist Vergangenheit. Aktuell denkt er darüber nach, eine Ausbildung zum Gärtner zu machen. Da muss ich überlegen, wie das gehen kann. Denn der Berufszweig ist mir ehrlich gesagt gänzlich fremd. Für mich ist es toll zu sehen, wie sich die Eltern liebevoll um ihre Tochter kümmern, die eine chronische Erkrankung hat. Es sind wunderbare integrationsbereite Menschen und wir haben wirklich einen freundschaftlichen Kontakt. So ist es gar keine Schwierigkeit, die Arbeit als Mentorin in mein Leben einzubauen.

„Die Menschen, die ich kennen gelernt habe, hatten zuhause ein gutes Leben, waren geachtet. Jetzt fangen sie von vorne an. Ich bin immer wieder voller Bewunderung, wie ambitioniert sie das angehen.“

  Dagmar Lorenzen (57) ist Lehrerin und seit 2014 bei save me Bonn aktiv. Mittlerweile hat sie die zweite Mentorenschaft übernommen. Sie wünscht sich viele neue Mentorinnen und Mentoren, die sich engagieren wollen. „Oft vermissen Flüchtlinge den Kontakt mit uns Einheimischen. Die Tandems helfen, sich zugehöriger zu fühlen.“

Wie erlebst Du, wie sich die Flucht auf Deine Mentees oder Schüler auswirkt?

Dagmar Lorenzen: Die Sorgen und Ängste um ihre Familienangehörigen in Syrien, wie jetzt bei Ferhad, zeigen sie eigentlich nie nach außen. Ich kann nur erahnen, wie sie sich fühlen, wenn beispielsweise Nachrichten über Angriffe kommen. Hier herzukommen, alles hinter sich lassen, das ist schwer. Die Menschen, die ich kennen gelernt habe, hatten zuhause ein gutes Leben, waren geachtet. Jetzt fangen sie von vorne an. Ich bin immer wieder voller Bewunderung, wie ambitioniert sie das angehen.

Du engagierst dich auch bei Sprachkursen.

Dagmar Lorenzen: Zuerst habe ich im Flüchtlingsheim Deutschkurse für Frauen gegeben. Mittlerweile biete ich zusammen mit Freunden einen Konversationskurs an, wir wechseln uns bei den Kursabenden ab. Das Training richtet sich an Flüchtlinge von B1-Sprachniveau aufwärts. Dort treffe ich Menschen, von denen etliche ein beeindruckend gutes Sprachniveau haben. Sie saugen die Sprache und die Informationen über unser Land auf. Meist sprechen wir über aktuelle Themen, die wir in der Zeitung oder im Internet gefunden haben. Das macht allen Spaß.

Erzählst Du uns von Erfahrungen, die du dort machst?

Dagmar Lorenzen: Am meisten bedauern die Teilnehmer, dass sie im Alltag wenig Kontakt mit Deutschen haben. Sie würden sich wirklich gerne mehr mit anderen unterhalten. Andererseits gibt es auch witzige Situationen. Einer unserer Teilnehmer erzählte beispielsweise von seinem Job in einem Callcenter, das bundesweit Anrufe erhält. Sächsisch oder bayerisch zu verstehen, ist selbst für mich nicht einfach. Er meinte aber gut gelaunt, so würde er sehr schnell alle deutschen Dialekte kennen und verstehen lernen.

 Und die Rahmenbedingungen des Kurses?

Dagmar Lorenzen: Die Teilnahme ist kostenlos, niemand muss sich verpflichten. Der Raum wird von save me angemietet. Nadja schickt uns immer wieder neue Interessenten, denn sie ist ja die erste Ansprechpartnerin der Flüchtlinge. Inzwischen gibt es bei uns sogar eine gemeinsame WhatsApp-Gruppe. Das einzige, was ich mir wünsche, wäre, dass in Zukunft mehr Frauen zu diesen Treffen kommen.

 Verändert Dich das Engagement für Flüchtlinge?

Dagmar Lorenzen: Das gibt wirklich einen neuen Blick auf mich selbst, auf unser Leben hier. Da kann ich unseren Lebensstil noch einmal mit anderen Augen sehen. Andererseits stelle ich trotz der unterschiedlichen Kulturkreise viele Gemeinsamkeiten fest. Die Erfahrungen im Mentorat und im Sprachkurs sind für mich eine große zwischenmenschliche Bereicherung.

 

Interview und Text: Elke Hoffmann (Januar 2017)